Deutsche Schulbücher erklären Israelis zu Tätern

23/09/2011

von Gideon Böss – Die Welt – 23.09.2011

Im Nahost-Konflikt machen deutsche Schulbuchverlage die israelische Seite zu Tätern, Palästinenser zu Opfern. Cornelsen, Westermann und Klett sehen keinen Grund für Änderungen.

Kein Staat wird in Deutschland so kritisch gesehen wie Israel.

Obwohl er die einzige Demokratie im Nahen Osten ist und Herausragendes in Bereichen wie Medizin, Telekommunikation, Softwareentwicklung oder erneuerbare Energien leistet, hält eine Mehrheit hierzulande den jüdischen Staat für die größte Bedrohung für den Weltfrieden.

Außerdem traut man ihm zu, an den Palästinensern Verbrechen zu begehen, die mit denen der Nazis an den Juden vergleichbar sind. Woher kommt dieses ausgesprochen schlechte Image?

Die Grundlagen dafür werden vermutlich schon in der Schule gelegt. Die drei großen Schulbuchverlage, Klett, Westermann und Cornelsen, haben allesamt ausführliche Materialien zum Nahost-Konflikt im Angebot, den Schülern wird dabei ein einseitiger Blick auf diesen Krisenherd vermittelt, der die israelische Seite zum Täter macht und die palästinensische zum Opfer.

Zum Teil werden Texte verwendet, die Anfang der Neunzigerjahre geschrieben wurden und darum hoffnungslos veraltet sind, andere Beiträge stecken voller historischer Fehler und Verdrehungen.

Jeder große Verlag beschäftigt sich mit Konflikt

Jeder der großen Verlage hat ein Buch auf dem Markt, welches sich ausführlich mit dem Nahost-Konflikt beschäftigt. So ist von Cornelsen „Forum Geschichte 12“ in Umlauf, das diesem Thema 50 Seiten Platz einräumt, die es in sich haben.

Israel wurde auf „arabischem Land“ gegründet, und einer einflussreichen jüdischen Lobby gelang es, die westliche Welt für die Zweistaatenlösung zu gewinnen. Ausführlich wird auf die Flüchtlingsproblematik eingegangen, wobei diese sich auf die Araber reduziert, dass auch Juden vertrieben wurden, bleibt unerwähnt.

Als nach der israelischen Staatsgründung arabische Armeen in Israel einfielen, äußerte die Arabische Liga die Hoffnung, dass unter den Juden ein Gemetzel angerichtet wird, welches an die der Kreuzritter und Mongolen heranreicht.

Die Schüler lesen eine andere Version: „Die Freiwilligen- und regulären Armeen aus den arabischen Ländern intervenierten erst, als dieser Prozess [die Vertreibung der arabischen Bevölkerung] in vollem Gange war und sich herausstellte, dass die Palästinenser ihm weitgehend hilflos ausgesetzt waren.“ So wird bei Westermann aus einem gescheiterten Vernichtungskrieg eine humanitäre Intervention.

Israelische Verganenheit wird tendenziös dargestellt

Ebenso wie die Staatsgründung wird auch die nähere Vergangenheit Israels tendenziös dargestellt. Die zweite Intifada, die im Jahr 2000 begann, wird als „Aufstand der Bevölkerung in der Westbank und im Gazastreifen“ vorgestellt, deren Auslöser Ariel Scharons Besuch auf dem Tempelberg gewesen sein soll.

Dabei ist längst bekannt, dass die zweite Intifada monatelang vorbereitet wurde und dieser Besuch nur der Vorwand war, um mit dem Terror gegen die israelische Bevölkerung zu beginnen. Kein Wort findet sich dazu, dass Arafat noch kurz vor Beginn der zweiten Intifada ein weitreichendes Friedensangebot ablehnte.

Überhaupt werden israelische Friedensbemühungen unterschlagen. So heißt es an einer anderen Stelle, dass weder die israelische noch die palästinensische Führung bereit waren, für einen Frieden das „Risiko einer Konfrontation mit ihren innenpolitischen Widersachern einzugehen.“

Für die israelische Seite stimmt das nicht, denn die Räumung der Siedlungen im Gazastreifen war genau eine solche Konfrontation, die das Land spaltete und heftig umstritten war.

Bücher bleiben ohne Beanstandung

Ebenfalls knapp 50 Seiten lang ist „Horizonte 12“ von Westermann. Wie jedes andere Schulbuch auch, musste es eine mehrmonatige Prüfung durch Verlag, Ministerium, Lektoren und Gutachter durchstehen. Ohne Beanstandung blieb dabei, dass die Palästinenser systematisch als Opfer dargestellt werden.

Sie greifen nie aus taktischen Gründen zum Terror, sondern immer „unter Druck“ oder wenn sie ihre Sache als „verraten und perspektivlos erkannten“. Selbstmordattentate sind keineswegs das Ergebnis religiösen Wahns, sondern die Folge „schlechter wirtschaftlicher Lage“, und der Mufti von Jerusalem, der als Freund Adolf Hitlers die Endlösung der Judenfrage unterstützte, wurde von den Nazis „geschickt instrumentalisiert“.

Berechnend ist hingegen der „jüdische Terror“, der mit „gezielten Aktionen“ für die Flucht vieler Araber sorgte. Juden begehen ihre Massaker kühl kalkulierend, Araber aus der Not heraus.

Wo palästinensischer Terror nicht ignoriert werden kann, wird er zumindest verharmlost. Über den Anschlag auf die Olympischen Spiele von 1972 in München liest man, dass „eine palästinensische Terrorgruppe einen Teil der israelischen Olympiamannschaft in ihre Gewalt brachte“.

Einwohner Ost-Jerusalems werden „Siedler“ genannt

Kein Wort dazu, dass die Geiseln alle umgebracht wurden. In strittigen Punkten wird die palästinensische Sichtweise oft direkt übernommen. Israelisch-jüdische Einwohner von Ost-Jerusalem werden als Siedler bezeichnet, und die größten Hürden für einen möglichen Frieden sind „die Verteilung der Wasser-Ressourcen, die Rückkehr palästinensischer Flüchtlinge, die Zukunft der jüdischen Siedlungen in den besetzten Gebieten sowie der Status von Jerusalem“.

Nicht auf die Liste der Friedenshindernisse haben es der palästinensische Terrorismus und die Charta der Hamas geschafft, die zur Vernichtung Israels aufruft und Friedensgespräche mit dem jüdischen Staat grundsätzlich ablehnt.

Im Buch „Thema Geschichte – Der Islam“ vom Schroedel Verlag, der wiederum zur Westermann Verlagsgruppe gehört, erfährt der Schüler, dass die Israelis den Palästinensern „unermessliches Leid“ zufügen.

Laut diesem Buch sind außerdem „ca. 1 Million“ Araber vor den Israelis geflohen, womit sogar die offiziellen Zahlen der Generaldelegation Palästinas in der Bundesrepublik Deutschland in den Schatten gestellt werden, die von 700.000 spricht.

Intifada? Daran sind die Israelis schuld

Historiker gehen wiederum zumeist von 500.000 bis 750 000 Flüchtlingen aus. Die Millionenmarke knackt Schroedel exklusiv.

Auch Klett informiert auf ähnlichem Niveau. Das Heft „Nahost – Der Kampf um das Heilige Land“, 58 Seiten dick, bemüht sich offiziell, ebenfalls nicht Partei zu ergreifen – und ergreift sie eben doch. Die zweite Intifada geht auch hier auf das Konto der Israelis.

Allerdings geht Klett noch einen Schritt weiter und behauptet, die Intifada sei die „Reaktion auf die Sackgasse, in der die PLO angesichts der Unnachgiebigkeit Israels festsaß“.

Bei dieser angeblichen Unnachgiebigkeit handelte es sich um ein Friedensangebot der Israelis, welches Arafat im Sommer 2000 vorgelegt wurde und das sogar arabische Beobachtern als überraschend großzügig bezeichneten. Arafat lehnte ab und startete die zweite Intifada. Er beantwortete ein Friedensangebot mit Krieg, und Klett macht daraus israelische Unnachgiebigkeit.

Antisemitismus spielt keine Rolle in den Büchern

In keinem Schulbuch wird Antisemitismus als ein Antrieb für den irrationalen Hass auf die Juden erwähnt, dabei ist der Nahost-Konflikt für die Hamas kein territorialer Konflikt, sondern ein religiöser Kampf gegen das Judentum und für die Errichtung eines Gottesstaates.

Israel die Hauptschuld am Konflikt zu geben und die palästinensische Seite pathologisch aus der Verantwortung zu nehmen, nähert die Schüler zwar erfolgreich an die deutsche Mainstream-Meinung in Bezug auf den Nahost-Konflikt an, aber eben auf Kosten der Realität.

Cornelsen, Westermann und Klett, die 90 Prozent des deutschen Schulbuchmarktes unter sich aufteilen, sehen dennoch keinen Anlass, ihre Präsentationen kritisch zu hinterfragen.

Cornelsen ist sich keiner Schuld bewusst

„Zentrales Anliegen eines modernen Geschichtsunterrichts“, erklärt Cornelsen, „ist es, die Schüler zu einem vertieften und reflektiertem Umgang mit Geschichte zu befähigen.“

Ein Wort, das dabei immer wieder fällt, lautet Multiperspektivität. Es gibt nicht die eine richtige Deutung eines Ereignisses, sondern verschiedene, und sie sollen alle berücksichtigt werden, das ist Multiperspektivität.

Eine Wertung findet nicht statt, jeder darf sich die Version aussuchen, die ihm gefällt. Nach dieser Logik müssten auch die Sichtweisen von Stasi-Mitarbeitern und Stasi-Opfern im Geschichtsunterricht ohne Wertung präsentiert werden.

Man darf vermuten, dass die Terrororganisation Hamas weniger am Niveau der deutschen Schulbücher auszusetzen hätte als die israelische Seite.


Wie Günter Grass den Weltkrieg verrechnet

01/09/2011

von Peter Jahn – Süddeutsche Zeitung – 31. August 2011

Erklärungsbedürftig: In einem Interview mit der „Haaretz“ bricht es aus Günter Grass heraus. Er rechnet den Holocaust mit dem Leid deutscher Kriegsgefangener in der Sowjetunion auf. Und ignoriert all das, was erst dazu führte. Das Denken des Literaturnobelpreisträgers fällt zurück in die fünfziger Jahre.

„Beim Häuten der Zwiebel“ trieb 2006 etlichen Kritikern Tränen der Empörung in die Augen – hatte Günter Grass doch erst darin eingehend seine Militär- und Kriegserfahrungen ausgebreitet. Und die hatte er bei der Waffen-SS überlebt, zu der er, siebzehnjährig und durchaus heldenwillig, im September 1944 einberufen worden war.

Aber da gab es in den wenigen Monaten bis zu seiner Verwundung im April 1945 außer der Doppelrune auf seiner Uniform eigentlich kaum etwas zum Empören, keine Freiwilligenmeldung, keine Teilnahme an Kriegsverbrechen. Er hatte Glück im Unglück gehabt. Und SS, die übergreifende Chiffre des Völkermords, war eben nicht mit dieser biographischen Erfahrung kurzzuschließen. Hängen blieb die Unzufriedenheit, dass er diese Episode nicht schon früher bekannt gemacht hatte.

Nun ist das Buch in Israel erschienen, und zu diesem Anlass hat Tom Segev Günter Grass für die Zeitung Haaretz befragt. Natürlich nimmt Günter Grass‘ Zeit in der Waffen-SS auch hier viel Platz ein, und Segevs Wunsch nach Erklärungen wie die Gereiztheit Grass‘ sind nicht zu überlesen.

Aber seine Erklärungen erscheinen letztlich selbstkritisch und plausibel, ebenso wie die Zurückweisung von Segevs Kritik, der Völkermord an den europäischen Juden sei in seinem Werk allzu marginal. Grass erinnert zu Recht an seinen Anteil daran, dass 1960 der Stroop-Bericht („Es gibt keinen jüdischen Wohnbezirk in Warschau mehr“) in der Bundesrepublik veröffentlicht werden konnte – in der Tat damals ein eindringliches Zeugnis des Völkermords in einer Gesellschaft, die mehrheitlich vergessen und verschweigen wollte.

Den Verdacht, er wolle die Deutschen als Opfer der NS-Herrschaft und des Krieges profilieren, scheint Günter Grass auch beim Gespräch über das Thema des „Krebsgangs“, den Untergang der torpedierten Wilhelm Gustloff, noch auszuräumen, habe er doch nie behauptet, der Angriff auf das Schiff, der mehr als 9000 Menschen das Leben kostete, sei etwa völkerrechtswidrig gewesen.

„Der Holocaust war nicht das einzige Verbrechen“

Aber dann bricht es durch: „Aber der Wahnsinn und die Verbrechen fanden nicht nur ihren Ausdruck im Holocaust und hörten nicht mit dem Kriegsende auf. Von acht Millionen deutschen Soldaten, die von den Russen gefangen genommen wurden, haben vielleicht zwei Millionen überlebt, und der ganze Rest wurde liquidiert. Es gab 14 Millionen Flüchtlinge in Deutschland, das halbe Land ging direkt von der Nazityrannei in die kommunistische Tyrannei. Ich sage das nicht, um das Gewicht der Verbrechen gegen die Juden zu vermindern, aber der Holocaust war nicht das einzige Verbrechen. Wir tragen die Verantwortung für die Verbrechen der Nazis, aber ihre Verbrechen fügten auch den Deutschen schlimme Katastrophen zu, und so wurden sie zu Opfern.“

Déjà vu, déjà entendu! Es ist, als lauschten wir Heranwachsenden der fünfziger Jahre wieder am Kaffeetisch den Erwachsenen, noch gefangen in Respekt und Schuldgefühlen vor deren Leiden und Leistungen und schon empört über den Einheitstopf, in dem alle Leidensgeschichten zu einer großen Tragik verrührt wurden.

Einzig, dass Günter Grass sechzig Jahre später die Verantwortung für die Verbrechen der Nazis ausspricht, zeigt den kleinen Unterschied. Aber umstandslos den Mord an sechs Millionen Juden mit einem Phantasiebild von sechs Millionen liquidierten deutschen Kriegsgefangenen zu relativieren, ist – vor aller moralischen Bewertung – erklärungsbedürftig.

Zum deutschen Bild der fünfziger Jahre zurückgekehrt

Die Fakten: Mehr als drei Millionen deutsche Soldaten gerieten im Krieg und vor allem bei Kriegsende in sowjetische Gefangenschaft. Sie wurden mehrheitlich erst zwischen 1947 und 1949 entlassen, da die sowjetische Regierung ihre Arbeitskraft als Reparationsleistung für die immensen Kriegszerstörungen ansah.

Nach unterschiedlichen Zählungen haben 700.000 bis 1,1 Millionen der Gefangenen nicht überlebt, wurden vor allem Opfer der Mangelernährung. Die zahlreichen Erinnerungen heimgekehrter Kriegsgefangener malen ein Bild vom alles beherrschenden Hunger der „Plennis“ (плен – Russisch für [Kriegs-]Gefangenschaft; Anm. d. Red.), das uns schmerzhaft berührt, wenn wir denn zu Mitgefühl fähig sind.

Auffällig ist allerdings in diesen Berichten die immer wiederkehrende Aussage, dass es der Bevölkerung ringsum auch nicht besser gegangen sei.

Hunger bis zur Dystrophie war in der Sowjetunion der Kriegs- und ersten beiden Nachkriegsjahre bestimmend für die große Mehrheit der Bevölkerung, und die deutschen Gefangenen hatten an diesem Leiden ihren schmerzlichen Anteil. Indem aus einer Million an Hungerfolgen Gestorbenen sechs Millionen von den Russen ermordete Deutsche phantasiert werden, stehen bei Grass der Völkermord an den Juden und das deutsche Leiden auf einer Stufe.

Damit ist er zum deutschen Bild der fünfziger Jahre zurückgekehrt. Damals waren „unsere Gefangenen“ ja ausschließlich Opfer. Mit den, nur in Gerüchten existierenden, aber offiziell nicht dementierten „Schweigelagern“ konnte bis 1955 auch deren Zahl in ungeahnte Höhen geschraubt werden.

Auch Stalins Justiz hatte mit Fließbandurteilen gegen – echte wie vermeintliche – Kriegsverbrecher unter den Gefangenen an diesem Bild unschuldiger Opfer ihren Anteil. Die deutsche Erinnerung setzte 1943 bei den Leiden der 6. Armee in Stalingrad ein, setzte sich im Leid der deutschen Bevölkerung 1945 fort und mündete im Elend der deutschen Kriegsgefangenen in der Sowjetunion.

Hilfe bei der Frage nach dem Warum

An diese, damals wie heute entlastenden, Schreck- und Feindbilder knüpft Grass an. Zwischen Völkermord an den Juden und deutschem Leid findet sich nichts weiter: kein Vernichtungskrieg, nicht die Hunderte samt ihren Einwohnern verbrannten Dörfer, keine zum Hungertod bestimmten Einwohner Leningrads (mindestens 800.000 starben), keine sowjetischen Kriegsgefangenen: Von 5,7 Millionen Gefangenen starben drei Millionen – mehr als hunderttausend durch Erschießungen, die meisten durch Hunger trotz hinreichender Ressourcen, nicht in einem ausgebluteten Land, sondern als „überflüssige Esser“ beziehungsweise „slawische Untermenschen“.

Dieser millionenfache Mord ist in Günter Grass‘ Erinnerung an die deutschen Verbrechen nicht zu finden. Ohne diese Erfahrungen der sowjetischen Soldaten, die sie eben nicht nur in Propagandaschriften, sondern als Augenzeugen wahrnahmen, sind die Schreckenserfahrungen der deutschen Bevölkerung im Jahre 1945 aber nicht zu begreifen.

Dieses so wichtige Begreifen, dass wir im Rückschlag des Krieges Wind geerntet, wo wir Sturm gesät hatten, macht den Wind nicht zum Säuseln, verkleinert nicht den Schmerz der Opfer, aber es kann für die davon nicht zu trennende Frage nach dem Warum Hilfe leisten.


Wagner sollte geächtet bleiben

28/07/2011

von Giulio Meotti — Ynet — 26.07.11

Warum sollte die Musik Richard Wagners im jüdischen Staat oder von israelischen Orchestern im Ausland nicht gespielt werden? Das Israel Chamber Orchestra bricht das Tabu und spielt Wagner in Bayreuth, in Deutschland. Das Orchester wird vom israelischen Kulturministerium ebenso unterstützt wie von der Stadt Tel Aviv und der Bank HaPoalim.

Die „Ächtung“ Wagners in Israel ist nicht offiziell. Der Oberste Gerichtshof hat vor einigen Jahren entschieden, dass es nicht illegal ist, seine Musik aufzuführen. Doch diese Praxis geht zurück bis zur Gründung des jüdischen Staates 1948.

Warum besteht Israel darauf, solche universalen Meisterwerke wie Tristan und Isolde oder Die Meistersinger nicht zur Aufführung zu bringen? Ganz sicher, weil Wagner ein notorischer Antisemit war und weil Hitler seine Musik geliebt hat. Doch es gibt noch einen tiefer gehenden Grund, und dieser hat etwas mit künstlerischer Verantwortung zu tun.

In Israel spielen die Konzerthäuser die 1937 geschriebene Carmina Burana, obwohl ihr Komponist Carl Orff ein glühender Nazi war. Warum ist also Wagner, der fünfzig Jahre vor der Machtübernahme durch Hitler starb, weiter geächtet? Ist das nicht irrational? Ist das nicht unlogisch? Richard Wagner war, das versteht sich von selbst, kein Nazi. Er starb fünf Jahre, bevor Hitler geboren wurde. Doch sein Hass auf die Juden war, wie der Judenhass Hitlers, mehr als nur ein Spleen: Er war das Herzstück seiner megalomanischen Weltsicht.

Die Arien aus dem Tannhäuser und dem Lohengrin begleiteten die „Endlösung“ und den Holocaust. Dort, in den Gaskammern, endet der Glaube daran, dass „Wahrheit Schönheit ist und Schönheit Wahrheit“. Wir müssen also verstehen, dass die Ächtung Wagners sich nicht auf seine Musik bezieht, ja sogar nicht einmal auf den Menschen Wagner. Es geht um seine Ideen.

Ich denke nicht, dass Wagners Antisemitismus es rechtfertigen würde, seine Werke beispielsweise aus dem Repertoire des Boston Symphony Orchestras zu entfernen. Doch es ist angemessen, wenn es einen Ort auf der Welt gibt, wo man Wagners Musik nicht aufführt, und zwar einzig wegen der hasserfüllten Ideologie des Mannes, der sie geschrieben hat.

Wagner war für Hitler ein Idol, und der deutsche Komponist hat aus seinen Ansichten keinen Hehl gemacht. Er selbst hat sich offen dazu bekannt, dass Antisemitismus Teil seiner Weltanschauung sei. Thomas Mann, der bedeutendste deutsche Schriftsteller des zwanzigsten Jahrhunderts, schrieb noch während des Dritten Reiches: „Es steckt viel ‚Hitler‘ in Wagner“.

1850 veröffentlichte Wagner sein antisemitisches Pamphlet „Das Judenthum in der Musik“. Darin machte er sich daran, die scheinbare Hässlichkeit des jüdischen Bildnisses und Geistes, der jüdischen Tradition und Sprache, sowie der Synagogal-Musik „aufzudecken“. Wagner rief die Deutschen zur Bildung einer Einheitsfront gegen die Juden auf und verlangte ihren Untergang. (Jahre später geschah dies wirklich in Sobibor, Chelmno, Treblinka, Birkenau und Belzec.)

Wagner hoffte auch, dass die Lösung der „Judenfrage“ durch jüdische Selbstzerstörung gefunden würde. Möglicherweise hat er hier an Assimilation gedacht. (Ironischerweise waren die Wagner-Opern dafür bekannt, bei assimilierten Juden sehr beliebt zu sein.)

Für Überlebende des Holocaust wurde Wagner daher ein untrennbarer Bestandteil der Nazi-Ideologie und eine ständige Erinnerung an das Böse, das mit den Judenboykotten in den dreißiger Jahren begonnen hatte und in den Gräueln der Gaskammern endete. Aus diesem Grund sollte die Musik Wagners nicht aufgeführt werden, solange auch nur ein einziger Überlebender des Holocaust am Leben ist, der sich dadurch verletzt fühlen könnte.

Solange es einen Holocaust-Überlebenden gibt, der noch weint, wenn er Wagner hört, sollten israelische Orchester darauf Rücksicht nehmen, wenn sie auftreten – und dabei zu großen Teilen aus öffentlichen Mitteln finanziert werden.

Doch es gibt noch einen anderen Grund für die Ächtung Wagners. Heute, wo Antisemitismus und Antizionismus in Europa und der westlichen Welt wieder erstarken, wo viele Intellektuelle, Wissenschaftler, Künstler und Journalisten internationale Verbrechen gegen Israel und Juden decken, wo das Leugnen des Holocaust sich weltweit verbreitet, erinnert die Ächtung Wagners daran, dass Ideen, Ideologien, Artikel und Bücher in der Realität Konsequenzen haben. Sie soll daran erinnern, dass Menschen, die böse Ideologien verbreiten, für die Konsequenzen zur Verantwortung gezogen werden. Auch wenn sie Genies sind. Von Teheran bis Kairo gilt: Solange Antisemiten zu einer neuen Shoah aufrufen, sollte Richard Wagners Musik eins sein: verboten.

Der Autor ist Journalist und schreibt für die italienische Zeitung „Il Foglio“.


Leopard goes Saudi-Arabien

06/07/2011