Wie Günter Grass den Weltkrieg verrechnet

01/09/2011

von Peter Jahn – Süddeutsche Zeitung – 31. August 2011

Erklärungsbedürftig: In einem Interview mit der „Haaretz“ bricht es aus Günter Grass heraus. Er rechnet den Holocaust mit dem Leid deutscher Kriegsgefangener in der Sowjetunion auf. Und ignoriert all das, was erst dazu führte. Das Denken des Literaturnobelpreisträgers fällt zurück in die fünfziger Jahre.

„Beim Häuten der Zwiebel“ trieb 2006 etlichen Kritikern Tränen der Empörung in die Augen – hatte Günter Grass doch erst darin eingehend seine Militär- und Kriegserfahrungen ausgebreitet. Und die hatte er bei der Waffen-SS überlebt, zu der er, siebzehnjährig und durchaus heldenwillig, im September 1944 einberufen worden war.

Aber da gab es in den wenigen Monaten bis zu seiner Verwundung im April 1945 außer der Doppelrune auf seiner Uniform eigentlich kaum etwas zum Empören, keine Freiwilligenmeldung, keine Teilnahme an Kriegsverbrechen. Er hatte Glück im Unglück gehabt. Und SS, die übergreifende Chiffre des Völkermords, war eben nicht mit dieser biographischen Erfahrung kurzzuschließen. Hängen blieb die Unzufriedenheit, dass er diese Episode nicht schon früher bekannt gemacht hatte.

Nun ist das Buch in Israel erschienen, und zu diesem Anlass hat Tom Segev Günter Grass für die Zeitung Haaretz befragt. Natürlich nimmt Günter Grass‘ Zeit in der Waffen-SS auch hier viel Platz ein, und Segevs Wunsch nach Erklärungen wie die Gereiztheit Grass‘ sind nicht zu überlesen.

Aber seine Erklärungen erscheinen letztlich selbstkritisch und plausibel, ebenso wie die Zurückweisung von Segevs Kritik, der Völkermord an den europäischen Juden sei in seinem Werk allzu marginal. Grass erinnert zu Recht an seinen Anteil daran, dass 1960 der Stroop-Bericht („Es gibt keinen jüdischen Wohnbezirk in Warschau mehr“) in der Bundesrepublik veröffentlicht werden konnte – in der Tat damals ein eindringliches Zeugnis des Völkermords in einer Gesellschaft, die mehrheitlich vergessen und verschweigen wollte.

Den Verdacht, er wolle die Deutschen als Opfer der NS-Herrschaft und des Krieges profilieren, scheint Günter Grass auch beim Gespräch über das Thema des „Krebsgangs“, den Untergang der torpedierten Wilhelm Gustloff, noch auszuräumen, habe er doch nie behauptet, der Angriff auf das Schiff, der mehr als 9000 Menschen das Leben kostete, sei etwa völkerrechtswidrig gewesen.

„Der Holocaust war nicht das einzige Verbrechen“

Aber dann bricht es durch: „Aber der Wahnsinn und die Verbrechen fanden nicht nur ihren Ausdruck im Holocaust und hörten nicht mit dem Kriegsende auf. Von acht Millionen deutschen Soldaten, die von den Russen gefangen genommen wurden, haben vielleicht zwei Millionen überlebt, und der ganze Rest wurde liquidiert. Es gab 14 Millionen Flüchtlinge in Deutschland, das halbe Land ging direkt von der Nazityrannei in die kommunistische Tyrannei. Ich sage das nicht, um das Gewicht der Verbrechen gegen die Juden zu vermindern, aber der Holocaust war nicht das einzige Verbrechen. Wir tragen die Verantwortung für die Verbrechen der Nazis, aber ihre Verbrechen fügten auch den Deutschen schlimme Katastrophen zu, und so wurden sie zu Opfern.“

Déjà vu, déjà entendu! Es ist, als lauschten wir Heranwachsenden der fünfziger Jahre wieder am Kaffeetisch den Erwachsenen, noch gefangen in Respekt und Schuldgefühlen vor deren Leiden und Leistungen und schon empört über den Einheitstopf, in dem alle Leidensgeschichten zu einer großen Tragik verrührt wurden.

Einzig, dass Günter Grass sechzig Jahre später die Verantwortung für die Verbrechen der Nazis ausspricht, zeigt den kleinen Unterschied. Aber umstandslos den Mord an sechs Millionen Juden mit einem Phantasiebild von sechs Millionen liquidierten deutschen Kriegsgefangenen zu relativieren, ist – vor aller moralischen Bewertung – erklärungsbedürftig.

Zum deutschen Bild der fünfziger Jahre zurückgekehrt

Die Fakten: Mehr als drei Millionen deutsche Soldaten gerieten im Krieg und vor allem bei Kriegsende in sowjetische Gefangenschaft. Sie wurden mehrheitlich erst zwischen 1947 und 1949 entlassen, da die sowjetische Regierung ihre Arbeitskraft als Reparationsleistung für die immensen Kriegszerstörungen ansah.

Nach unterschiedlichen Zählungen haben 700.000 bis 1,1 Millionen der Gefangenen nicht überlebt, wurden vor allem Opfer der Mangelernährung. Die zahlreichen Erinnerungen heimgekehrter Kriegsgefangener malen ein Bild vom alles beherrschenden Hunger der „Plennis“ (плен – Russisch für [Kriegs-]Gefangenschaft; Anm. d. Red.), das uns schmerzhaft berührt, wenn wir denn zu Mitgefühl fähig sind.

Auffällig ist allerdings in diesen Berichten die immer wiederkehrende Aussage, dass es der Bevölkerung ringsum auch nicht besser gegangen sei.

Hunger bis zur Dystrophie war in der Sowjetunion der Kriegs- und ersten beiden Nachkriegsjahre bestimmend für die große Mehrheit der Bevölkerung, und die deutschen Gefangenen hatten an diesem Leiden ihren schmerzlichen Anteil. Indem aus einer Million an Hungerfolgen Gestorbenen sechs Millionen von den Russen ermordete Deutsche phantasiert werden, stehen bei Grass der Völkermord an den Juden und das deutsche Leiden auf einer Stufe.

Damit ist er zum deutschen Bild der fünfziger Jahre zurückgekehrt. Damals waren „unsere Gefangenen“ ja ausschließlich Opfer. Mit den, nur in Gerüchten existierenden, aber offiziell nicht dementierten „Schweigelagern“ konnte bis 1955 auch deren Zahl in ungeahnte Höhen geschraubt werden.

Auch Stalins Justiz hatte mit Fließbandurteilen gegen – echte wie vermeintliche – Kriegsverbrecher unter den Gefangenen an diesem Bild unschuldiger Opfer ihren Anteil. Die deutsche Erinnerung setzte 1943 bei den Leiden der 6. Armee in Stalingrad ein, setzte sich im Leid der deutschen Bevölkerung 1945 fort und mündete im Elend der deutschen Kriegsgefangenen in der Sowjetunion.

Hilfe bei der Frage nach dem Warum

An diese, damals wie heute entlastenden, Schreck- und Feindbilder knüpft Grass an. Zwischen Völkermord an den Juden und deutschem Leid findet sich nichts weiter: kein Vernichtungskrieg, nicht die Hunderte samt ihren Einwohnern verbrannten Dörfer, keine zum Hungertod bestimmten Einwohner Leningrads (mindestens 800.000 starben), keine sowjetischen Kriegsgefangenen: Von 5,7 Millionen Gefangenen starben drei Millionen – mehr als hunderttausend durch Erschießungen, die meisten durch Hunger trotz hinreichender Ressourcen, nicht in einem ausgebluteten Land, sondern als „überflüssige Esser“ beziehungsweise „slawische Untermenschen“.

Dieser millionenfache Mord ist in Günter Grass‘ Erinnerung an die deutschen Verbrechen nicht zu finden. Ohne diese Erfahrungen der sowjetischen Soldaten, die sie eben nicht nur in Propagandaschriften, sondern als Augenzeugen wahrnahmen, sind die Schreckenserfahrungen der deutschen Bevölkerung im Jahre 1945 aber nicht zu begreifen.

Dieses so wichtige Begreifen, dass wir im Rückschlag des Krieges Wind geerntet, wo wir Sturm gesät hatten, macht den Wind nicht zum Säuseln, verkleinert nicht den Schmerz der Opfer, aber es kann für die davon nicht zu trennende Frage nach dem Warum Hilfe leisten.


Wagner sollte geächtet bleiben

28/07/2011

von Giulio Meotti — Ynet — 26.07.11

Warum sollte die Musik Richard Wagners im jüdischen Staat oder von israelischen Orchestern im Ausland nicht gespielt werden? Das Israel Chamber Orchestra bricht das Tabu und spielt Wagner in Bayreuth, in Deutschland. Das Orchester wird vom israelischen Kulturministerium ebenso unterstützt wie von der Stadt Tel Aviv und der Bank HaPoalim.

Die „Ächtung“ Wagners in Israel ist nicht offiziell. Der Oberste Gerichtshof hat vor einigen Jahren entschieden, dass es nicht illegal ist, seine Musik aufzuführen. Doch diese Praxis geht zurück bis zur Gründung des jüdischen Staates 1948.

Warum besteht Israel darauf, solche universalen Meisterwerke wie Tristan und Isolde oder Die Meistersinger nicht zur Aufführung zu bringen? Ganz sicher, weil Wagner ein notorischer Antisemit war und weil Hitler seine Musik geliebt hat. Doch es gibt noch einen tiefer gehenden Grund, und dieser hat etwas mit künstlerischer Verantwortung zu tun.

In Israel spielen die Konzerthäuser die 1937 geschriebene Carmina Burana, obwohl ihr Komponist Carl Orff ein glühender Nazi war. Warum ist also Wagner, der fünfzig Jahre vor der Machtübernahme durch Hitler starb, weiter geächtet? Ist das nicht irrational? Ist das nicht unlogisch? Richard Wagner war, das versteht sich von selbst, kein Nazi. Er starb fünf Jahre, bevor Hitler geboren wurde. Doch sein Hass auf die Juden war, wie der Judenhass Hitlers, mehr als nur ein Spleen: Er war das Herzstück seiner megalomanischen Weltsicht.

Die Arien aus dem Tannhäuser und dem Lohengrin begleiteten die „Endlösung“ und den Holocaust. Dort, in den Gaskammern, endet der Glaube daran, dass „Wahrheit Schönheit ist und Schönheit Wahrheit“. Wir müssen also verstehen, dass die Ächtung Wagners sich nicht auf seine Musik bezieht, ja sogar nicht einmal auf den Menschen Wagner. Es geht um seine Ideen.

Ich denke nicht, dass Wagners Antisemitismus es rechtfertigen würde, seine Werke beispielsweise aus dem Repertoire des Boston Symphony Orchestras zu entfernen. Doch es ist angemessen, wenn es einen Ort auf der Welt gibt, wo man Wagners Musik nicht aufführt, und zwar einzig wegen der hasserfüllten Ideologie des Mannes, der sie geschrieben hat.

Wagner war für Hitler ein Idol, und der deutsche Komponist hat aus seinen Ansichten keinen Hehl gemacht. Er selbst hat sich offen dazu bekannt, dass Antisemitismus Teil seiner Weltanschauung sei. Thomas Mann, der bedeutendste deutsche Schriftsteller des zwanzigsten Jahrhunderts, schrieb noch während des Dritten Reiches: „Es steckt viel ‚Hitler‘ in Wagner“.

1850 veröffentlichte Wagner sein antisemitisches Pamphlet „Das Judenthum in der Musik“. Darin machte er sich daran, die scheinbare Hässlichkeit des jüdischen Bildnisses und Geistes, der jüdischen Tradition und Sprache, sowie der Synagogal-Musik „aufzudecken“. Wagner rief die Deutschen zur Bildung einer Einheitsfront gegen die Juden auf und verlangte ihren Untergang. (Jahre später geschah dies wirklich in Sobibor, Chelmno, Treblinka, Birkenau und Belzec.)

Wagner hoffte auch, dass die Lösung der „Judenfrage“ durch jüdische Selbstzerstörung gefunden würde. Möglicherweise hat er hier an Assimilation gedacht. (Ironischerweise waren die Wagner-Opern dafür bekannt, bei assimilierten Juden sehr beliebt zu sein.)

Für Überlebende des Holocaust wurde Wagner daher ein untrennbarer Bestandteil der Nazi-Ideologie und eine ständige Erinnerung an das Böse, das mit den Judenboykotten in den dreißiger Jahren begonnen hatte und in den Gräueln der Gaskammern endete. Aus diesem Grund sollte die Musik Wagners nicht aufgeführt werden, solange auch nur ein einziger Überlebender des Holocaust am Leben ist, der sich dadurch verletzt fühlen könnte.

Solange es einen Holocaust-Überlebenden gibt, der noch weint, wenn er Wagner hört, sollten israelische Orchester darauf Rücksicht nehmen, wenn sie auftreten – und dabei zu großen Teilen aus öffentlichen Mitteln finanziert werden.

Doch es gibt noch einen anderen Grund für die Ächtung Wagners. Heute, wo Antisemitismus und Antizionismus in Europa und der westlichen Welt wieder erstarken, wo viele Intellektuelle, Wissenschaftler, Künstler und Journalisten internationale Verbrechen gegen Israel und Juden decken, wo das Leugnen des Holocaust sich weltweit verbreitet, erinnert die Ächtung Wagners daran, dass Ideen, Ideologien, Artikel und Bücher in der Realität Konsequenzen haben. Sie soll daran erinnern, dass Menschen, die böse Ideologien verbreiten, für die Konsequenzen zur Verantwortung gezogen werden. Auch wenn sie Genies sind. Von Teheran bis Kairo gilt: Solange Antisemiten zu einer neuen Shoah aufrufen, sollte Richard Wagners Musik eins sein: verboten.

Der Autor ist Journalist und schreibt für die italienische Zeitung „Il Foglio“.